Zeitungsartikel des Sensetalers vom September 2005


«Es gibt keine unmusikalischen Kinder»
Die musikalische Früherziehung bietet neue Ansätze für den Einstieg in die Musik

Nicole Schafer aus Giffers begleitet Kinder ab 4 Jahren auf spielerische und abwechslungsreiche Weise bei ihrem Einstieg in die Musik.

Im Takt der Musik schleichen die Kinder im Unterricht von Nicole Schafer durch den Saal wie Mäuse, stampfen wie Elefanten oder spielen auf den Instrumenten ein donnerndes Gewitter. Seit drei Jahren bietet die 25-Jährige aus Giffers in den Gemeinden Tafers, Düdingen und Wünnewil Kurse in musikalischer Früherziehung und Grundschule an. Während diese Art des Musikunterrichts in Deutschfreiburg bisher kaum bekannt ist, gehört sie in Kantonen wie Luzern und Basel zum Grundschulunterricht. In Freiburg hingegen geschieht sie über freiwilligen und ausserschulischen Unterricht. Der Kurs kostet pro Semester 190 Franken. Teils wird das Angebot von den Gemeinden finanziell unterstützt, teils ist es auf privater Basis organisiert.


Fantasie und Kreativität

Angefangen hat ihr Unterricht damit, dass die Rhythmikklassen in den Gemeinden Tafers, Düdingen und Wünnewil-Flamatt mangels Nachfrage aufgelöst wurden. Nicole Schafer hat die Chance genutzt und ist in diese Lücke gesprungen. So bietet sie heuer bereits im dritten Jahr die musikalische Früherziehung & Grundschule als «Rhythmik und Musik» an. Sie unterrichtet in vier Stufen. Das Ziel der musikalische Früherziehung I (ab vier Jahren) und II (ab fünf Jahren) ist es, Musik und Rhythmik durch Spiel und Bewegung zu erleben zu verstehen. In der Musikalischen Grundschule I (1. Primarklasse) und II (2. Primarklasse) werden die Kinder auf das Erlernen eines Instruments vorbereitet. Dies geschieht mit praktischem Musizieren am Xylophon. Zum Ausbildungsprogramm gehören Singen und Stimmbildung, Rhythmik und Tanz, das Spielen auf einfachen Melodie- und Begleitinstrumenten, musikalische Begriffsbildung und Notenschrift, Instrumentenkunde und ein wenig Musikgeschichte. Doch die Kinder lernen bei Nicole Schafer nicht nur rein musikalische Fähigkeiten. «Mein Unterricht soll auch die Fantasie und Spontaneität der Kinder anregen, ihre Kreativität fördern oder ihre Konzentrationsfähigkeit schulen», erzählt sie.


Gute Vorbereitung

Nicole Schafer bringt zum Unterricht eigene Instrumente mit, welche die Kinder ausprobieren können, um ihr rhythmisches Gefühl und ihr Gehör zu schulen. «Nach drei bis vier Jahren Kurs in der musikalischen Früherziehung & Grundschule ist ein Kind gut vorbereitet, um ein Instrument zu lernen», hält Nicole Schafer fest. Natürlich könne ein Kind auch vorher direkt ein Instrument erlernen. «Aber in der Früherziehung können sich die Kinder spielerischer an die Musik herantasten. Der Instrumental-Unterricht ist dann um einiges seriöser», erzählt sie. «Hinzu kommt, dass manche Kinder körperlich noch nicht fähig sind, manche Instrumente wie beispielsweise die Klarinette überhaupt richtig zu halten», erzählt Nicole Schafer, die seit mehreren Jahren auch Klarinettenunterricht gibt.


Ansteckende Freude

«In der Grundschule werden Fächer wie Musik, Zeichnen oder Turnen immer mehr gekürzt. Gerade auch deshalb ist es für mich wichtig, den Kindern die Musik näher zu bringen», meint Nicole Schafer. Aber nicht nur in der Schule, auch zu Hause wird immer weniger gesungen. Die Leute sind viel gestresster als früher, man nimmt sich keine Zeit mehr zum Singen oder Musizieren. Das kann sich aber auch wieder ändern. «Einige Mütter haben mir erzählt, dass sie ihre eigene Blockflöte oder das Singbuch wieder hervorgeholt haben und sich von der Freude ihrer Kinder an der Musik haben anstecken lassen», erzählt Nicole Schafer lächelnd. So ist sie denn auch überzeugt, dass es keine unmusikalischen Kinder gibt. «Einige haben vielleicht etwas mehr Flair dafür und können schon nach dem ersten Vorspielen eine Melodie nachsingen. Aber das ist die Ausnahme», erzählt sie von ihren Beobachtungen. Sie wehrt sich auch gegen das Vorurteil, dass viele Kinder nicht singen können: «Alle Kinder machen Fortschritte, es braucht nur etwas Geduld».


Musikerfamilie

Ein Flair für die Musik hat auch Nicole Schafer in die Wiege gelegt bekommen. Sie stammt aus einer Musikerfamilie: Ihr Vater ist ein engagierter Dirigent und Blasmusiker, ihre Mutter spielt Klarinette und ihr Bruder ist Tubist. Ab 1989 nahm Nicole Schafer Klarinettenunterricht am Konservatorium Freiburg. Begeistert von der Arbeit mit Kindern und auf der Suche nach einem Weg, den Kindern die Musik näher zu bringen, begann Nicole Schafer im Herbst 2000 parallel zum Klarinettenstudium in der Berufsklasse in Freiburg auch die Ausbildung für Musikalische Früherziehung und Grundschule an der Musikhochschule in Luzern, die sie im Sommer 2003 abschloss. Ein Jahr später hielt sie auch das Lehrdiplom auf der Klarinette in den Händen. Im Herbst 2004 begann sie schliesslich das Studium fürs Konzertdiplom an der Hochschule der Künste in Bern. Es dauert noch zwei Jahre, wie es danach weitergeht weiss sie noch nicht. Nur in einem Punkt ist sich Nicole Schafer sicher: Neben der eigenen Musik will sie auch das Unterrichten beibehalten. Denn eins liegt ihr besonders am Herzen: Die Freude an der Musik weitergeben.
 

Tanja Kuriger